Architektur | Bestens schwärmt sich’s am Kupfergraben
Was dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. einst als „Freistätte der Kunst und Wissenschaften“ vorschwebte, ist in diesen Tagen – 180 Jahre später – Wirklichkeit geworden. Dem Architekten David Chipperfield ist zu verdanken, dass ihm mit der James-Simon-Galerie ein würdiger Schlussstein für die Museumsinsel gelungen ist.
Der Weg dahin war steinig. Zwanzig Jahre lang wurde heftig darum gerungen, wie das Besucherzentrum auf der Museumsinsel aussehen und was es bieten soll. Chipperfield setzte sich intensiv mit den drei benachbarten Gebäuden auseinander – mit Alfred Messels 1930 vollendetem Pergamon-Museum, desgleichen mit Friedrich August Stülers Neuem Museum, dessen offene Kolonnade den Briten maßgeblich inspirierte. Schließlich kam Schinkels Altes Museum hinzu, dessen Freitreppe und Loggia den Projektarchitekten Alexander Schwarz zur bühnenartigen Treppe und weitläufigen, von einer Hochkolonnade gesäumten Terrasse am Kupfergraben inspirierten.
David Chipperfield, der 2009 die Renovierung des im Krieg schwer beschädigten Neuen Museums mit Bravour vollendete, legte wenige Jahre zuvor den Entwurf der Galerie vor, benannt nach dem jüdischen Kaufmann und Mäzen James Simon, dem das Museum die Büste der Nofretete verdankt. Doch die lichtdurchlässigen Stahl-Glas-Kuben, die ganz Chipperfields bekannter Formensprache entsprachen, überzeugten zunächst nicht. Der Internationale Rat für Denkmalpflege Icomos bemängelte die „fehlende visuelle Integrität“. Selbst die Stiftung Preußischer Kulturbesitz distanzierte sich. Der Brite hatte ein eigenständiges, sechstes Museum entworfen, nicht nur ein Empfangsgebäude. Das widersprach dem Masterplans von 1999.
Wenig später nahm sich Chipperfield der Skizze von Friedrich Wilhelms IV. „Freistätte“ an und strich das Motiv der Serialität hervor, das er in der Kolonnaden-Reihe der Musentempel erkannte. Dem Architekten schwebte eine für die gesamte Museumsinsel prägende formale Kontinuität vor, die die James-Simon-Galerie aus ihrer reinen Funktionalität befreit und die Architektur als „gebaute Landschaft“ inszeniert.
1.200 Betonpfähle
Zu dieser „Landschaft“ gehören auch Anklänge an Schinkels Altes Museum: Denn hinter der doppelreihigen Kolonnade, die den Portikus als Säulenwald strukturiert, führt eine Freitreppe hinauf in den offenen Ausstellungsbereich. Chipperfield bewundert das Alte Museum wegen seiner durchlässigen Bauweise, die aus ihm das „erste öffentliche Kulturmuseum“ gemacht habe.
Die James-Simon-Galerie ist ein multifunktionaler Bau mit Räumen für Dauer- und Wechselausstellungen. Es lohnt sich allemal, einfach nur das Gebäude zu erkunden, zur pittoresken Bootsanlegestelle zu spazieren, sich das großartige Auditorium anzuschauen, das direkt unter der Freitreppe liegt: Hier besticht die Materialauswahl aus Beton, Nussholz und Filz. In die Bodenelemente aus Betonfertigteilen wurde sächsischer Marmor eingearbeitet. Vielleicht kommt ins Schwärmen, wer den Blick von der Terrasse über Kupfergraben und Museumsinsel schweifen lässt.
Trotz aller Leichtigkeit, die dieser betörende Kulturbau ausstrahlt, vergisst man schnell, dass die James-Simon-Galerie durch 1.200 Betonpfähle bis zu 50 Meter tief im Grund der Spreeinsel verankert worden ist. Genau an dieser Stelle wäre Schinkels einstiger Packhof fast im morastigen Erdreich versunken.
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