Plage an den Rheinauen: Gegen die Schnaken "nützen 1000 Soldaten nichts mehr"
Von Harald Berlinghof
Speyer. "Da nützen 1000 Soldaten und 100 Hubschrauber nichts mehr. Die Schnakenlarven haben sich inzwischen verpuppt, und da wirkt unser biologisches Mittel nicht mehr. Uns sind jetzt, nach dem Ausfall der Hubschrauber, aus biologischen Gründen die Hände gebunden. Wir sind einfach zu spät dran", betont Norbert Becker, Wissenschaftlicher Direktor der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs).
Weil die Kabs kein Gift einsetzt und der verwendete biologische Wirkstoff nur die vier Larvenstadien der Stechmücken bekämpft, gegen das finale Puppenstadium der Mücken aber nicht mehr wirkt, werden jetzt zahllose Stechmücken in den kommenden Tagen ausschlüpfen. Becker reagiert mit seinen Äußerungen auf die Forderung des FDP-Bundestagsabgeordneten Christian Jung, die Bundeswehr und das Technische Hilfswerk zur Schnakenbekämpfung einzusetzen.
Seit dem vergangenen Wochenende sieht sich die Kabs dramatischen Herausforderungen gegenüber. Nachdem ein Hubschrauber am letzten Samstag nach dem Einsatz in Südbaden abgestürzt war, brannte am Sonntag zu allem Unglück ein zweiter Hubschrauber während des Einsatzes in Philippsburg aus. Der Ausfall der beiden Kabs-Hubschrauber, ausgerechnet während einer ausgedehnten Hochwasserwelle am Rhein, hat die Bewohner und auch die Bürgermeister zwischen Karlsruhe und Mannheim aufgeschreckt. Sie fürchten um die Lebensqualität entlang des Rheins.
Allerdings sei der Einsatz von ungeübten Kräften der Bundeswehr und anderer Institutionen nur eingeschränkt sinnvoll, so Becker. "Unsere Mitarbeiter sind intensiv geschult und bringen eine große Erfahrung mit. Das kann man nicht von einem Tag auf den anderen ersetzen", so Becker.
Nach einer Krisensitzung der Kabs-Führung mit dem Flugunternehmen kann man erfreulicherweise zusichern, dass ab der nächsten Woche und somit rechtzeitig zur nächsten zu erwartenden Hochwasserwelle wieder funktionierende Hubschrauber zur Verfügung stehen. Ab der nächsten Woche droht aber eine stärkere Belästigung in den Rheinanliegergemeinden, die etwa vier bis sechs Wochen anhalten wird. Erfreulich sei aber die massive Unterstützung, die die Kabs zurzeit erfährt, so Becker. Entlang des Rheins waren viele freiwillige Helfer unterwegs, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Doch auch die mussten zunächst eingewiesen werden.
Die Kabs arbeitet seit ihrer Gründung im Jahr 1976 ausschließlich mit dem biologischen Wirkstoff Bti (Bacillus thuringensis israelensis), der hoch selektiv ausschließlich Schnakenlarven abtötet. Allerdings eben auch nur die Larven, nicht mehr die verpuppten Tiere. Zur Wirkung von Bti gehört nämlich, dass die Schnaken das Eiweiß - und nichts anderes ist Bti - mit der Nahrung aufnehmen. Im Verpuppungsstadium geben die späteren Schnaken aber das Fressen auf.
Ebenfalls von Bti beeinträchtigt werden so genannte Kriebelmückenarten, die allerdings in ökologisch anderen Gewässertypen leben als Schnaken, und Zuckmückenarten, die aber erst ab Überdosierungen des Mittels um das 50-fache absterben. Auch wegen der korrekten Dosierung mit einhergehendem Schutz anderer Arten ist die Erfahrung der Kabs-Mitarbeiter nur schwer kurzfristig zu ersetzen.
Schnaken machen weniger als zehn Prozent der Insekten-Biomasse des Auwaldes aus und treten extrem periodisch in Zusammenhang mit Hochwasser auf. Deshalb sind sie eine wenig zuverlässige und eher kleine Nahrungsgrundlage für Vögel und Fledermäuse, betont man bei der Kabs. Als Krankheitsüberträger hat die typische Rheinschnake keine Bedeutung. Anders ist das bei eingeschleppten tropischen Arten, zum Beispiel der Tigermücke, die ebenfalls von der Kabs bekämpft wird - allerdings in Wohngebieten.
