Capitol Mannheim: Wenn Kaya Yanar genüsslich ausrastet
Mannheim. (mpt) Obs an der zunehmenden Digitalisierung liegt? An seinen temperamentvollen, türkischen Wurzeln, die in seinem stolzen Alter von 45 Jahren voll durchschlagen? An den nervigen Mitmenschen - oder letztlich doch einzig und allein an ihm? "Ich bin ein schimpfender, alter Bock geworden", sagt Comedian Kaya Yanar. Dabei wirkt er frisch, entspannt und junggeblieben wie eh und je: Mit Batschkapp, großen Augen und breitem Grinsen - seinen Markenzeichen. Bei seiner zweistündigen Show im ausverkauften Capitol greift Deutschlands sympathischster Türsteher (Was guckst du?!) am Donnerstagabend eine der Lieblingsbeschäftigungen unserer Nation auf: Meckern, mosern, motzen. Denn Schuld sind immer die anderen. Oder am Ende wir selbst?
"Ausrasten! Für Anfänger" heißt das aktuelle Programm des gebürtigen Frankfurters. Denn wo man auch hinschaut, immer sind auch schon andere da, die einem richtig den Tag vermiesen. Smombies, die in Zeiten der "App"-idemie mit dem Smartphone vorm Gesicht blindlings über die Straße laufen. Cineasten, die auch in den spannendsten Kino-Momenten mit dem Popcorn rascheln. Kofferjunkies, die das Gepäckband "wie die Balkanroute" abschirmen - oder "Einkaufswagenbumser", die mit ihren Rammelversuchen von hinten das Laufband beschleunigen wollen. Dann schmilzt die Toleranzdecke, lodert die Weißglut.
"Fluchen ist gut für die Gesundheit", empfiehlt der Meckerkasten. Sofern es sich in Grenzen hält. Und er weiß, wovon er spricht. Schließlich wurde er von einem "Ausraster auf zwei Beinen" erzogen: seinem Vater. Der kam einst als Auswanderer von der südtürkischen Stadt Antakya nach Frankfurt. Und entdeckte gleich im ersten Winter die deutschen Tugenden des Scheltens und Schimpfens. Auch, wenn das mit der Sprache nicht immer einfach ist. Aber wie soll das auch gehen, wenn "Armut" im türkischen "Birne" bedeutet? "Wenn mein Vater geschimpft hat, hab‘ ich ihn nicht verstanden. Also habe ich es als Kompliment aufgefasst", interpretierte Klein-Kaya das Schimpfwort "Hayvan" (Vieh) als Lob.
Auch das Publikum darf Dampf ablassen. In der Pause füllt sich der Facebook-Account von Kaya Yanar mit Ausraster-Kommentaren der Besucher: Die Parkplatzsituation vorm Capitol bringt sie auf die Palme, sowie Raser oder Schleicher auf der Straße, störende Radler oder Autofahrer, je nachdem, wie und in welchem Gefährt man gerade selbst unterwegs ist. Verkehrssünder sind wir schließlich alle, zumindest in den Augen der anderen. Einen drehbuchreifen, nervtötenden ICE-Handy-Dialog ("Hallooo? Hörst du mich? Ich sitze im Zuuug!") eines Zuschauers inszeniert Yanar spontan so gekonnt, dass er den Gag gleich mal abrippt.
Seinem Vater hingegen wird er unbewusst immer ähnlicher. Nicht nur das Meckern hat er geerbt, sondern auch die Migration. Auch Yanar ist nämlich ausgewandert, inzwischen lebt er mit seiner Frau in Zürich. Und unterlegt das mit einem herrlich krachenden Schwyzerdütsch. Ob er seine eigenen Kinder einmal verstehen wird, wenn sie nur noch "Grüezi" und "Isch’s guat gsi?" sagen? Dann hilft nur noch ein althergebrachtes Zauberwort, um bei einem Wutanfall seinem Ärger Luft zu verschaffen - und das interpretiert werden kann, wie es will: Hayvan. Am Ende wiederholt sich eben doch alles.
