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Октябрь
2018

Feminismus | Erhellende Einkäufe

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Margarete Stokowski sieht das Politische in der Latzhose und lernt motorsägen

Wann hat Margarete Stokowski Sie zuletzt wütend gemacht? Mich im Sommerloch: da schrieb sie über das Marktversagen in der BH-Industrie. Frauen mit großen Brüsten müssen sich ihre Brustwarzenhemden im Ausland bestellen! In derselben Kolumne ruft Deutschlands Feministin Nr. 1 dazu auf, mehr nackte Brust zu zeigen. Zack! Potzblitz! Paradox!

Stokowski gilt als „ironisch“: Spott als Ausweg. Kann ein Ausweg sein, kann total unterhaltsam sein, ist es für viele auch. Andere sind genervt. Denn Spott ist keine Lösung, obwohl das manchmal alles auch sehr witzig ist: Sie wäre wohl Poetry-Slammerin, wenn sie nicht SPON-Kolumnistin wäre. Spott stichelt, Spott hilft Unterprivilegierten, Spott macht wütend. Unbeantwortet bleibt im neuen Bestseller, der Texte aus Stokowskis wöchentlicher Kolumne versammelt und helfen soll, „wütend zu bleiben“, die Frage, wie aus dem Appell „Sei kein Arschloch“, der an die weiße, heterosexuelle, mittelalte Männlichkeit geht, folgen soll, dass sich keiner von denen mehr wie ein Arschloch verhält. Denn typisch für Arschlöcher ist, sich nicht um Regeln zu scheren. Da kann das Sexualstrafrecht noch um ein „Ja heißt Ja“ verschärft werden.

Die #MeToo-Strategie kann man durchaus kritisch sehen. Nicht aus konservativem „Laissez-faire“, sondern weil es manchen von uns besser täte, nicht mehr „wütend“ zu sein, sondern Frieden zu finden. Anstatt die Rechtskenntnis möglicherweise betroffener Frauen zu stärken oder sie an Beratungsstellen zu verweisen, ermutigt der Hashtag-Feminismus sie oft dazu, ihre Geschichten im Internet zu erzählen und „wütend zu bleiben“. Eine Verarbeitung des Erlebten scheint zumindest bei oberflächlicher Sichtweise dem Ziel, sich „wütend“ für mehr Frauenrechte zu engagieren, entgegenzustehen. Politisch verortet sich Stokowski als Anarchistin, als Traumvorstellung für die Zeit nach der feministischen Revolution nennt sie „abendliches Whiskey-Trinken in Finnland“. Gemütlich und gleichzeitig wild. Trotzdem wäre es gut, zu wissen, wie der feministische Staat aussähe. Hätte er eine Gerichtsbarkeit? Frauenquoten allemal. Ob kritische Männer in den Gulag kämen, scheint nicht klar. Zumindest hat Jens Jessen in der Zeit derartige Sorgen geäußert,.Stokowski konterte uneinholbar: „trotz offensichtlichen Lagerkollers ist es dem tapferen Feuilletonisten gelungen, seinen Text direkt aus dem Gulag herauszufunken und in der größten deutschen Wochenzeitung zu veröffentlichen.“

Die klassischen Körperthemen Regelblutung, Verhütung, Rasieren werden nur am Rande gestreift, dafür geht es viel ums Einkaufen. Fassungslos kann einen die Geschichte zurücklassen, in der die Nichtverfügbarkeit geeigneter Latzhosen für Frauen in einem Berliner Baumarkt erörtert wird.

Erhellend ist die Sammlung privater kleiner Ungerechtigkeiten allemal. Die politischen Artikel fordern Sinnvolles wie Aufklärung durch die Schule, vollständige Gleichstellung Homosexueller und Abschaffung des Ehegattensplittings. Wir lernen, dass Trump und Bannon längst die Machtstrukturen des Patriarchats durchschaut haben und Grundlagen der Feminismus-Geschichte, Dinge über Simone de Beauvoir und über Hexen. Spannende Reportagen wie eine aus dem größten Berliner Aufnahmelager für Geflüchtete, über einen Kinobesuch mit „Lesbensex“ und eine von einem Motorsägenführerschein-Kurs runden die Sammlung aus den letzten sieben Jahren ab. Hier zeigt sich die Autorin stark und sympathisch.

Gute Streifen außen drauf

Auf Twitter konnte man schon vor Veröffentlichung gelegentlich Zeugin der Überarbeitung – teils mit Unterstützung dritter – der Kolumnen fürs Buch werden. Umfangreich ist dann auch die Danksagung im Vorwort. Einige Texte wurden um Leserkommentare und E-Mails oder den Überblick über die jeweilige Debatte ergänzt. Stokowski erhält ein breites Spektrum hasserfüllter und skurriler Einsendungen, vom Wunsch, sie zu erschießen, zerstückeln, vergewaltigen über kommunisten- beziehungsweise linkenfeindliche Kommentare bis hin zum Hinweis einer Polin, sie hätte sich für eine Videoaufnahme doch die Haare machen lassen sollen, praktisch der Vorwurf des „Unpolnischseins“ an die im Alter von zwei Jahren aus Polen nach Berlin eingewanderte Autorin.

Stylish aufgemacht ist das Buch definitiv. Als Rudel im Bücherregal machen sich Untenrum frei, Stokowskis Erstling, und Das Ende des Patriarchats“ gut, die Streifen ergänzen sich zu einem Muster und machen gespannt auf ein drittes Buch, das die Linien von Stokowskis Philosophie weiterschreibt. Wenn’s wütende Frauen sein sollen, wie wäre es mal mit einem Kettensägen-Roman? Mit einem grünen Streifen für die Brandenburger Natur – oder Rot wie das Blut weißer heterosexueller mittelalter Männer.

Info

Die letzten Tage des Patriarchats Margarete Stokowski Rowohlt 2018, 320 S., 20 €

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.






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