Walldürn/Ottawa: Der amerikanische Traum lebt immer noch
Von Brigitte Geiselhart
Walldürn/Ottawa. Hier fühlt man sich irgendwie sofort so richtig wohl. Die Atmosphäre im kultig gestalteten Restaurant "The Lone Buffalo" ist klasse. Man kommt mit seinem Gegenüber sofort ins Gespräch. Das deftige Bauernomelett schmeckt prima - und erst das Bier. Der Hopfen kommt von nebenan, die Gerste auch. Es gilt das deutsche Reinheitsgebot.
Gebraut wird das "Tangled Roots" direkt vor Ort - Tausende Kilometer von Deutschland entfernt. Es ist eines der vielen Projekte, die Peter Limberger in seiner Wahlheimat in Angriff genommen hat. Geboren und aufgewachsen ist er im Odenwald - genauer gesagt in Walldürn.
Zuhause ist der 70-jährige Ingenieur in der Kleinstadt Ottawa im amerikanischen Bundesstaat Illinois, etwa 90 Autominuten von der Millionenmetropole Chicago entfernt. Genauso wie seine Frau Inga Carus: Ihr Ururgroßvater Eduard Hegeler stammte aus einer Bremer Kaufmannsfamilie, hatte an der Bergbauakademie in Freiberg, Sachsen studiert. Er war schon um 1850 in den Mittleren Westen der USA gezogen, um dort eine Zinkproduktion aufzubauen - und baute im benachbarten LaSalle das Hegeler-Carus Mansion, ein riesiges Herrenhaus, das heute einer Stiftung gehört und zum Museum geworden ist.
"Gleich nach meinem Studium in Karlsruhe ging ich mit einem Stipendium in die USA - nach Atlanta", erzählt Peter Limberger. "Meinen ersten Job als Ingenieur fand ich in Chicago. Ich arbeitete auch einige Jahre in Südamerika, Afrika und Asien. Meine erste Tochter wurde in Chicago geboren."
Doch es ging auch wieder zurück für den Odenwälder. Er arbeitete für einen deutschen Konzern in Düsseldorf und nutzte die Gelegenheit der deutschen Wiedervereinigung, um sich 1990 selbstständig zu machen. "Es zog mich nach Berlin", sagt Peter Limberger. "Ich erwarb und gründete mehrere Unternehmen in Deutschland, auch in der Schweiz, in Frankreich und China."
Durch einen glücklichen Zufall lernte er seine spätere Frau Inga Carus kennen. "Im Zusammenhang mit einem möglichen Erwerb eines Unternehmens von der Treuhand in Bitterfeld suchte ich einen Industriepartner und wurde auf die Firma Carus Corporation in Illinois aufmerksam gemacht", erzählt Peter Limberger. Der gemeinsame Erwerb in Bitterfeld klappte zwar nicht, aber durch die geschäftliche Bekanntschaft lernte er Inga kennen und lieben.
Nach der Hochzeit lebte Peter Limberger zunächst in Berlin, seine Frau und die beiden Adoptivtöchter Nicola und Marianna in Illinois. Dann wohnte die ganze Familie für knapp zwei Jahre in der deutschen Hauptstadt. "Die Mädels bekamen auch einen deutschen Pass und lernten Deutsch", fährt Limberger fort. Vor neun Jahren habe man sich aber entschieden, dass es für die Töchter und die Familie besser sei, in Illinois zu leben und man zog wieder nach Ottawa. "Jetzt endgültig", ist sich Peter Limberger sicher.
Warum gerade Ottawa? Es gab und gibt für Peter Limberger und Inga Carus noch viel zu tun, um die Region strukturell weiter zu stärken. Zum Beispiel organisierte man im vergangenen Advent erstmals einen "Chris Kringle"-Markt in Ottawa mit Glühwein und Bratwurst, mit viel deutscher Handwerkskunst, ganz so, wie es Peter Limberger aus seiner Heimat kennt - die dazu benötigten Weihnachtshütten kamen natürlich auch aus Deutschland.
An weiteren Ideen mangelt es dem Walldürner nicht. "Mir schwebt vor, mit unserem neu gegründeten Immobilienentwicklungsunternehmen in Ottawa einen Marktplatz ganz nach deutschem Modell in der Stadtmitte zu schaffen: mit Brunnen, Fußgängerzone, Schachspiel und Glockenturm mit sich bewegenden Figuren", so seine Vision.
Im besonderen Fokus der Familie Limberger/Carus liegt auch ihre 1000 Hektar große Hopfenfarm sowie ein Möbel- und Innenausbaubetrieb. Alles in allem beschäftigen Peter Limberger und Inga Carus etwa 500 Mitarbeiter, wobei die Hälfte der Arbeitsplätze in den vergangenen fünf Jahren geschaffen wurde. Mit Leidenschaft kümmert sich das Ehepaar für den Erhalt des Hegeler-Carus Mansion und hofft, dafür auch kulturinteressierte Touristen aus Deutschland zu begeistern.
Peter Limberger pflegt aber auch seine deutschen Wurzeln. Als er im vergangenen Jahr davon erfuhr, dass die Trachtenkapelle Höpfingen auf ihrer Konzertreise in die USA eine Woche in Chicago Station machen sollte, lud er die 40 Musiker und 20 Begleitpersonen spontan zu einer Stippvisite nach Ottawa ein - zu Freibier satt und einem zünftigen Nachmittag.
Regelmäßig geht’s für ihn auch auf Besuch in den Odenwald. Ein Bruder lebt nach wie vor in Walldürn, der andere in Fahrenbach, wo er seit vielen Jahren die allseits bekannte Musikkneipe "Alte Schmiede" betreibt.
"Im vergangenen Jahr haben wir unser 50-jähriges Abiturjubiläum in Buchen gefeiert. Das war ein tolles Fest. Für mich war das natürlich eine Ehrensache, mit dabei zu sein", sagt Peter Limberger. Sein Herz schlägt nach wie vor für den Odenwald - aber auch für sein neues Zuhause.
"Amerika ist eine Idee - Amerikaner zu sein ist eine Haltung", so sein Credo. "Hier kann man weiterhin den amerikanischen Traum leben - sei es als Künstler, als Unternehmer oder einfach nur so."
