Weiße Haut und schwarze Seele: Neckarbischofsheimerin Carla Kerbe verbrachte Jahr in Kamerun
Von Günther Keller
Neckarbischofsheim. Nachts hörte man Schüsse, tagsüber zogen Regierungsgegner durch die Straßen. Irgendwann wurde die Situation dann derart heikel, dass der gesamte Tross seine Sachen zusammenpackte und von Balemba im Nordwesten Kameruns ins 100 Kilometer entfernte Bafousam umzog. Carla Kerbe, einzige Weiße im Team und erstmals in Afrika, bekommt von diesem Erlebnis keine Albträume.
Im Gegenteil: Kaum zurück aus dem schwarzen Kontinent will die 24-jährige Neckarbischofsheimerin schnellstmöglich wieder nach Kamerun: "Ich habe mich dort zu Hause und wahnsinnig wohl gefühlt", sagt sie. Ihr Antrag, dort erneut als eine Art pädagogische Entwicklungshelferin zu arbeiten, läuft. Im Spätjahr schon könnte der zweite Einsatz beginnen.
Die elf Monate in Vor- und Grundschulen der ehemaligen deutschen Kolonie haben die gelernte Erzieherin, die zuvor in einer Heidelberger Kinderkrippe arbeitete, verändert. Politischer ist sie geworden, noch aufmerksamer gegenüber sozialer Ungerechtigkeit, sensibler gegenüber gesellschaftlichen Verwerfungen - wie sie im von einem Sprachen- und Autoritätskonflikt geprägten Kamerun an der Tagesordnung sind.
Knapp zwei Jahre ist es her, dass sich Carla Kerbe für den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst entschied - "weil in meiner Biografie irgendwas fehlt" - und über das evangelische Hilfswerk "Brot für die Welt" zum "Pedagogic In-Service Training Programme (ISTP)" kam. Das hat sich zur Aufgabe gemacht, die Erziehungsmethoden an schulischen und vorschulischen Einrichtungen zu verbessern, neue Inhalte zu vermitteln und die Kinder auf eine Welt ohne Gewalt vorzubereiten.
Nach einem Vorbereitungsseminar ging es dann ab nach Afrika und damit in eine für die junge Frau unbekannte Welt. "Aber für einen Kulturschock war gar keine Zeit", sagt Carla Kerbe rückblickend. In Balemba gab es sofort unglaublich viel zu tun: Neue Lernangebote vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich galt es zu erarbeiten, die afrikanischen Kolleginnen sollten angeleitet werden, Dienstpläne waren zu erstellen, Team-Meetings zu organisieren.
Die Deutsche kniete sich gleich voll rein: "Es war alles sehr ungewohnt, aber ich habe mich auf Anhieb dort wohlgefühlt." Die Arbeitsbedingungen in dem Land so groß wie Frankreich, so dünn besiedelt wie Russland und so arm wie nur noch sechs andere Länder der Welt waren und sind so ganz anders als in Deutschland.
Und doch traf Carla Kerbe auf Kollegen, die ihren Job mit Begeisterung machen, sich der Verantwortung für die Kinder bewusst sind und sie zu selbstbewussten Individuen erziehen wollen. Die Fröhlichkeit der Menschen wirkte ansteckend, wie die 24-Jährige in ihrem Internet-Blog "Carla goes Cameroon" anschaulich beschreibt: Da wird zusammen gelacht, getanzt und gesungen. Und bald stellte die junge Frau bei sich selbst fest: "Weiße Hautfarbe, kamerunische Seele."
Einmal in dem knappen Jahr kam Besuch: die Mutter, der Bruder eine Freundin. Was machst Du in Kamerun, was gibt es Neues in Deutschland und im Kraichgau? Für eine Rundreise durchs Land, das als "Africa en miniature" gilt, war nicht viel Zeit. Dabei hätte Carla einiges zu zeigen gehabt, etwa den von ihr erklommenen Kamerunberg, mit 4000 Meter die höchste Erhebung im Land, die Wasserfälle, die Atlantikküste, die Nationalparks. "Das Land ist toll", sagt Carla Kerbe, "aber in Europa weitgehend vergessen."
Zwei bis drei Jahre, so stellt sich die Neckarbischofsheimerin vor, könnte sie noch in Äquatornähe arbeiten. Nicht allein der Arbeit wegen, sondern auch wegen des Wiedersehens "mit Freunden, die man als Familie bezeichnen kann".
