Weinheim: Kunsthandwerker zeigten ihre Fähigkeiten
Von Günther Grosch
Weinheim. "Wer will fleißige Handwerker seh’n, der muss ins alte Gerberviertel geh’n": Leicht abgewandelt im Text, hat dieses Kinderlied auf der Kerwe-Kunsthandwerkermeile entlang des Gerberbachs bis heute seine Berechtigung. Was gibt es da nicht alles zu bestaunen.
Angefangen von Bürstenmacher Meinolf Stoffel aus Gernsbach im Schwarzwald über die Poesiedesignerin Christiane Ulm, die Laudenbacher Franca Wetjen und Jürgen Grieser mit ihren "Unikat-Traum-Kauflädchen" bis hin zur Objektemacherin Claudia Rippl und dem gelernten Stahlformenbauer Ralf Tecklenburg, der Schmuck aus alten Tafelsilberbestecken herstellt. Die RNZ hat sich auf dem Markt umgesehen - und ist begeistert.
Noch bis Mitte des vorigen Jahrhunderts beliebt und geschätzt, gehört der Pinsel- und Besenbinder heute zu den aussterbenden Handwerkszweigen. Nicht mehr als ein Dutzend junger Menschen war in den vergangenen Jahren an einer Ausbildung in diesem Beruf interessiert. Meinolf Stoffel fertigt seine Bürsten, Besen und Pinsel noch im historischen Handeinzugsverfahren und verwendet hierzu ausschließlich heimisches Holz und Naturborsten, Haare oder Pflanzenfasern.
Rund tausend Exemplare von der Ärzte- und Handwerkerbürste bis hin zur Gemüsebürste hat er an seinem Stand ausliegen. Und gibt bereitwillig Tipps: "Vor dem Benutzen einer Wurzelbürste diese immer erst gut nass machen. Dann werden die Borsten vorne knallhart, bleiben hinten aber elastisch."
Ihre Premiere auf dem Kunsthandwerkermarkt feiern in diesem Jahr Franca Wetjen und Jürgen Grieser. Mit dem Anfertigen ihrer "Traum-Kaufläden" begannen haben beide 2007. In Weinheim sind sie erstmals vertreten. Neun Grundmodelle handgefertigter Kinderkaufläden aus Massivholz haben die Mediendesignerin und der gelernte Zimmermann und Holzspielzeugmacher im Angebot.
Ob in Palettengröße fürs heimische Kinderzimmer oder als überdimensioniertes "Kinderbüffet" in großen Hotels, einfach oder mit optionalen Zusatzelementen wie Türen, Schubläden und Schränkchen: "Alles ist mach- und bundesweit lieferbar." In Weinheim vor Ort zu besichtigen ist ein inklusionsgerecht gebauter XXL-Kaufladen, den Wetjen und Grieser für die Maria-Montessori-Schule angefertigt haben. Wer es eine Nummer kleiner will, ist mit den Knopfmöbelgriffen für Kinderschränkchen und -Schubladen gut bedient. 300 Motive mit 60 unterschiedlichen Farben von Aubergine bis Ultramarine stehen hier zur Auswahl.
Von der Natur inspirierte "Träume sichtbar machen" will das Poesiedesign von Christiane Ulm aus Gießen: "Ich möchte, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht als schnöder Schmuckständer fungiert." Hinzu kommen "Glücksbringer-Armbänder", die bei Tag und Nacht, beim Duschen wie beim Sport getragen werden. "Nach sechs bis neun Monaten geht das Lederarmband kaputt. Sie verlieren ihren Glücksbringer und geben somit das Glück an den Finder und in die Welt zurück", sagt Ulm. "Was man in die Welt gibt, kommt auch von ihr zurück."
Jammerschade wäre es dagegen, den von Serap Balikan und ihrer Familie aus Garnen und mit eingearbeiteten Glasperlen gefertigten Häkelschmuck zu verlieren. Stunden, mitunter Tage stecken in den filigranen Arbeiten mit einer Technik, die viel Geduld und noch mehr Fein- und Fingerspitzengefühl erfordert. Mal zackig, eckig und kantig, mal rund und bunt kommen die Motive daher, die ihre Vorbilder in den traditionellen Vorlagen haben, wie sie früher als Borten oder Deckchenumrandungen gehäkelt wurden.
Mit acht Jahren hat Serap ihre ersten "noch rustikalen Topflappen" gehäkelt: "Aus einer Strafarbeit erwuchs eine Leidenschaft."
