Hockenheim: Unter Wasser gedeiht das Leben
Von Harald Berlinghof
Hockenheim. Es ist kurz nach 9 Uhr am gestrigen Dienstagmorgen, als der Bagger beim Hockenheimer Hochwasserschutz- und Ökologieprojekt (HÖP) die letzte Erde am Ende des Mühlkanals wegräumt und sich ein kleines Rinnsal Wasser in das neu gestaltete Kraichbachbett ergießt. Ganz bewusst hatte man auf eine große Welle verzichtet und lieber auf ein langsames Ansteigen des Wasserspiegels gesetzt.
Die erste Hälfte von insgesamt 800 Metern Länge soll damit in den nächsten Tagen von einem Bach mit 30 bis 70 Zentimeter Wassertiefe, je nach Witterung, durchflossen werden. Erstmals seit Beginn der Umgestaltung des Kraichbachs und des Mühlkanals fließt Wasser in das neue Bachbett.
Seit gut einem Jahr wird an der neuen grünen Lunge von Hockenheim gearbeitet. Die ökologisch armen, weil begradigten und teilweise betonierten Fließgewässer des Kraichbachs und des Mühlkanals sollen in ein ökologisch hochwertiges Bachbett umgeleitet werden, das von Dämmen und Spazierwegen begleitet wird.
So soll dem Hochwasserschutz im Hockenheimer Stadtzentrum, der Natur und dem Erholungsbedürfnis der Menschen gleichzeitig Rechnung getragen werden.
Das Einleiten eines Fließgewässers in ein anderes Bachbett wirft allerdings in der praktischen Umsetzung zahlreiche Fragen auf. Wie wählt man sein Vorgehen am Besten so, dass am wenigsten Natur dabei verloren geht? Tier- und Pflanzenwelt müssen aus den alten Bachbetten gerettet werden.
Das geschieht unter Aufsicht der ökologischen Baubegleitung des Regierungspräsidiums (RP) Karlsruhe. Die großen Naturschutzverbände waren bereits im Genehmigungsverfahren in das Projekt miteinbezogen. Schon seit Tagen ist ein Elektro-Fischer mit seinen Mitarbeitern dabei, die alten Gewässer, die trocken fallen werden, abzufischen.
Rund 1500 Fische hat der Mann inzwischen in den Unterlauf des Kraichbachs gesetzt, noch einmal so viele wird er in den nächsten Tagen überführen.
Mit dem Bodenschlamm der alten Fließgewässer trägt er Kleingetier wie Muscheln, Schnecken, Würmer und Bachlohkrebse in Eimern herüber, um das neue Bachbett, wenn es geflutet ist, mit den vorhandenen Tierarten zu impfen. Natürlich kann niemand alle vorhandenen Lebewesen retten. Das wäre illusorisch. Nur die Erhaltung der Art und die ökologische Vielfalt zählen.
Was entlang des HÖP passiert, ist neben Landschaftsgestaltung und Hochwasserschutz auch ein Neugewässerbau. "Das ist eine großartige Aufgabe. Das macht so viel Freude", betonen zwei junge Damen aus dem RP. Mit viel Enthusiasmus und Begeisterung sind Sophie Lefort, Projektleiterin des HÖP, und ihre Stellvertreterin, Lysann Horakh, bei der Arbeit.
Im Bachbett werden tiefe Stellen angelegt, die Fischen auch bei Niedrigwasser Rückzugsräume bieten. Wurzelstöcke und Baumstümpfe werden mit Seilen an Felsen befestigt. Sie sollen Unterstand und Schutz für viele Fischarten sein. Die große "Sollgleite" nach der Fußgänger- und Radwegbrücke stellt ein kleines Felsenmeer unter Wasser dar, das es den Fischen erlaubt, trotz Strudel von strömungsarmer Zone zu strömungsarmer Zone bachauf zu schwimmen.
Die Bepflanzung erfolgt dann erst ganz zum Schluss und stellt sich zum großen Teil auch von selbst ein. Nach Beendigung der Bauphase wird es mindestens noch fünf bis zehn Jahre lang ein Monitoring geben, welche Arten sich im neuen Kraichbach tummeln. Die Hockenheimer dürfen sich aber schon jetzt auf ein innerstädtisches Naherholungsgebiet freuen.
