Heidelberg: Werner Schaubs Ausstellung in der Stadtbücherei
Von Milan Chlumsky
Heidelberg. Diesmal könnte man mit dem Ende anfangen: Die Ausstellung von Werner Schaub in der Stadtbücherei endet mit einem großformatigen fotografischen Blick auf eine winterliche Landschaft mit Bäumen im Kleinen Odenwald. Bei der Vernissage berief sich der Festredner, Professor Jochen Hörisch, auf eine kleine Betrachtung aus dem Jahr 1913 von Franz Kafka. Der große Prager Schriftsteller verglich die Menschen mit Bäumen im Schnee. Er schreibt: "Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar."
Dieser Text, der sich mit 17 anderen den Platz in den "Betrachtungen" teilt, folgt auf die Erzählung "Das Urteil", in der Kafka seinen unverwechselbaren literarischen Stil gefunden hat: "Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele."
Bezeichnenderweise endet auch die Ausstellung von Werner Schaub in der Stadtbücherei mit einem Blick auf eine winterliche Landschaft mit Bäumen im Kleinen Odenwald. Auf sie passen Kafka’s Zeilen, wobei man sie, wie bei dem Schriftsteller, nur scheinbar verschieben kann. Neben den großformatigen Fotos (150 x 220 cm) gibt es ein Wiedersehen mit älteren Arbeiten: Kohlezeichnungen oder Prägedrucke auf großen Holzdielen aus verschiedenen Materialien wie Tanne, Pinie oder Parkettdielen. Schaub hat seine Holzarbeiten für die Ausstellung überarbeitet und um Prägedruck oder Zeichnung erweitert. Bei einigen dieser "Druckblätter" hat der Künstler auch Wanderplaketten angebracht, die er von seiner Sammlung von Spazierstöcken abmontiert hat: "Es grüne die Tanne, Es wachse das Erz, Gott schenke uns allen, Ein fröhliches Herz."
Diese Installation bringt das Vergangene (die Abzeichnungen an Wanderstöcken) mit der Gegenwart in Verbindung und zeigt den Willen, das Vertraute auf eine neue, höhere Ebene zu hieven. Zu Recht hat der Festredner Jochen Hörisch an die Einheit von Wald, Natur und Kunst erinnert, eine Konstante, die seit der Weimarer Klassik (und vor allem seit Goethes "Faust"), ein Spezifikum der Dichtung geworden ist: Der Wald ist nicht nur ein feindliches, sondern auch schützendes Territorium, das dem Menschen dient. Die Kenntnis der Mythen und ihre Umsetzung etwa in den Märchen bei den Gebrüdern Grimm zeugt von der Vielfalt des Themas Wald.
Werner Schaub zeigt eine der zahlreichen Facetten des uns allen bekannten Waldes, der eigentlich vor unserer Tür liegt und trotzdem unsere Vorstellung in Frage stellt. Franz Kafka wusste es: "Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar."
Info: Bis zum 29. August in der Heidelberger Stadtbücherei.
