Nach 44 Jahren im Polizeidienst: Neckargemünder Polizeichef Johannes Kolmer geht in den Ruhestand
Von Christoph Moll
Neckargemünd. Johannes Kolmer hat schon gepackt, auf dem Schreibtisch liegen Abschiedsgeschenke. Ende Mai geht der Leiter des Neckargemünder Polizeireviers nach 44 Jahren im Polizeidienst in den Ruhestand (siehe auch Kasten rechts). Heute wird der Erste Polizeihauptkommissar offiziell im Rathaus verabschiedet. Im RNZ-Interview verrät der 63-Jährige unter anderem, welcher Einsatz ihm besonders in Erinnerung belieben und wie er Helmut Kohl begegnet ist.
Herr Kolmer, viele kennen Sie als Vorsitzenden des Fußballkreises Heidelberg und als Schiedsrichter. Was unterscheidet einen Polizist von einem Schiedsrichter?
Beide müssen Konflikte lösen und auf ein Geschehen reagieren. Ein Polizist kann einen Konflikt vorübergehend lösen, wirkt aber an der Entscheidung nur mit - das letzte Wort hat die Justiz. Ein Schiedsrichter aber entscheidet endgültig - zumindest in den Amateurligen. Da gibt’s ja keinen Videobeweis (lacht).
Vor Kurzem haben Sie die Kriminalstatistik vorgestellt. Die ohnehin schon vergleichsweise niedrige Anzahl der Straftaten ist in Ihrem Revier noch einmal zurückgegangen. Ist "auf dem Land" die Welt noch in Ordnung?
Ja, die Welt ist hier zumindest mehr in Ordnung als in den Städten. Mit den Zahlen aus Mannheim oder Heidelberg können wir nicht "mithalten". Das erlaubt uns, gründlicher zu ermitteln, was sich auch in einer Aufklärungsquote mit fast 70 Prozent zeigt. Weil das Leben hier weniger anonym ist und viele Kollegen auch aus der Region kommen, können wir manche Straftat aufklären, die in der Stadt nicht aufgeklärt wird. Eine Herausforderung ist für uns, dass unser Revier durch den Neckar zweigeteilt wird: im Norden bis Heiligkreuzsteinach und im Süden bis Meckesheim. Oft müssen wir durch Hessen fahren, weshalb der Kontakt zu den dortigen Kollegen sehr eng ist. Bei Unfällen zum Beispiel sind wir meist schneller dort. Dann übergeben wir an die Kollegen, was sowohl rechtlich als auch praktisch unproblematisch ist.
Wie wichtig ist es denn, dass Neckargemünd ein Polizeirevier hat?
Die Grundversorgung ist notwendig, um für Ernstfälle gewappnet zu sein und zeitgerecht eingreifen zu können. Nach Heiligkreuzsteinach kommt man von Heidelberg aus nicht in 15 Minuten. Und es gibt hier dennoch jede Menge zu tun: Verkehrsunfälle, Streitigkeiten mit körperlichen Auseinandersetzungen, Ruhestörungen, Betrunkene und Bettler. Gerade bei Kleinstunfällen mit Sachschaden ist die Polizei vor Ort wichtig, weil sie für Rechtssicherheit sorgt. Die Bevölkerung auf dem Land ist sensibler als in der Stadt. Es fällt mehr auf und es wird erwartet, dass sich die Polizei darum auch kümmert. Die gefühlte Sicherheit hierdurch ist nicht zu unterschätzen.
Gibt es denn Entwicklungen, die Ihnen Sorgen bereiten?
Die Akzeptanz der Polizei in der Bevölkerung ist geringer geworden. Das spüren wir hier auf dem Land zwar nur vereinzelt, bekommen es aber mit, wenn wir zum Beispiel bei größeren Festen in den Städten die Kollegen unterstützen. Außerdem nehmen Betrugsfälle in Zeiten der Digitalisierung nicht gerade ab.
Welche Einsätze in Ihrer Laufbahn sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Das ist besonders einer: Am Rosenmontag 1981 hatte ich meinen ersten Nachtdienst als Polizeiführer vom Dienst. Morgens um 6 Uhr rief eine Frau an und sagte, dass aus der Sparkasse in der Kurfürstenanlage in Heidelberg drei Millionen Mark gestohlen wurden und die Täter zuvor in Handschuhsheim 20 Geiseln genommen hatten - darunter Bankangestellte mit Zugang zum Tresor. Das Fluchtauto konnten wir am Hauptbahnhof finden, die Täter wurden aber erst Jahre später geschnappt.
Und in Ihrer Neckargemünder Zeit?
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir der schwere Unfall des Hoffenheim-Fußballprofis Boris Vukcevic auf dem Krähbuckel und mehrere Brände. Vor zwei Jahren habe ich auch den Botschafter aus Saudi-Arabien auf dem Revier empfangen, weil ein Landsmann im Neckar beim Schwimmen starb. Damals war noch nicht klar, dass es ein Unglück war. Meistens war ich aber im Urlaub, wenn etwas Größeres passiert ist.
Sicher gibt es auch Schönes, an das Sie gerne zurückdenken.
Ja, da war zum Beispiel eine Begegnung mit Helmut Kohl in Heidelberg. Das war 1986, als er beim Jubiläum der Universität sprach. Wir hatten den Auftrag, ihn zu schützen. Doch Kohl ist plötzlich ohne Begleitung in die Altstadt marschiert. Als ich ihm begegnet bin, hat er mir auf die Hemdmanschette ein Autogramm gegeben. So etwas wäre heute wohl nicht mehr möglich.
Sind Sie selbst einmal bei einem Einsatz in eine gefährliche Situation geraten?
Nein, zum Glück nicht. Auch schießen musste ich nie. Ich war ja aber auch lange im Innendienst.
Was werden Sie vermissen?
Das angenehme Umfeld mit den Mitarbeitern und den Vertretern der einzelnen Gemeinden. Auch unsere "Kundschaft" war meistens in Ordnung.
Ist Ihre Nachfolge denn schon geregelt?
Bis zum 1. Februar 2019 übernimmt zunächst mein Stellvertreter. Hinzu kommt eine junge Kollegin, die Führungserfahrung sammeln will.
Was macht Johannes Kolmer im Ruhestand?
Ich habe keine großen Pläne. Ich versuche noch lange als Schiedsrichter aktiv zu sein. Vielleicht werde ich hier ja automatisch mehr eingespannt (lacht).
Letzte Frage: Bleiben Sie auch im Ruhestand noch etwas Polizist?
Das weiß ich nicht. Den Polizist werde ich sicher nicht so einfach auf die Seite schieben können.
