Mülheimer Theatertage: Das Theater Heidelberg glänzte mit "Beben"
Von Heribert Vogt
Heidelberg. Einen glänzenden Auftritt legte das Theater Heidelberg am Sonntagabend mit dem Stück "Beben" von Maria Milisavljevic bei seiner ersten Einladung zu dem überregionalen Festival "Stücke. Mülheimer Theatertage NRW" hin.
Im Theater an der Ruhr präsentierte die Bühne das komplexe Werk, das 2016 den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts gewonnen und 2017 den Stückemarkt eröffnet hatte, in Topform - mit viel Dynamik, Spielwitz sowie bester Laune. Und überzeugte damit auf ganzer Linie.
Das war auf jeden Fall ein starkes Statement im Wettbewerb mit renommierten Bühnen. Denn Heidelberg konkurriert hier mit dem Deutschen Theater Berlin, dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg, dem Theater Basel, dem Staatsschauspiel Dresden, dem Nationaltheater Mannheim und dem Deutschen Theater Göttingen um den mit 15.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis 2018.
Ganz am Ende des Abends, im Publikumsgespräch mit den Heidelberger Beteiligten der Aufführung, dankte eine Besucherin dem "phantastischen Ensemble" für die tolle Darbietung - und dafür gab es unisono zustimmenden Applaus. Das lässt die Spannung auf den weiteren Verlauf der 43. Ausgabe des Festivals natürlich steigen.
Aber zuvor konnte sich jeder Zuschauer von der homogenen Klasse der Heidelberger Vorstellung ein Bild machen. Und im voll besetzten intimen Theater an der Ruhr, 1980 von dem berühmten Theatermann Roberto Ciulli gegründet, ging das Publikum lebhaft mit, lauschte in den steilen Reihen im schwarz-roten Ambiente gespannt dem irrwitzigen Geschehen auf der Bühne oder lachte immer wieder über groteskeste Zuspitzungen.
Denn Erich Sidlers Heidelberger Inszenierung von "Beben" bietet einen mitunter schwindelerregenden Trip durch das wilde Absurdistan im wuchernden Mediendschungel. Eine durchgehende Handlung und konkrete Charaktere bleiben in dieser übermächtigen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auf der Strecke. Schlaglichter von Terrorangst wie Gewalt blitzen schemenhaft auf, aber beleuchten sie grell die Wirklichkeit oder virtuelle Welten?
Die Sphären fließen komplett ineinander, und die völlige Sinnzersplitterung löst die Menschen aus alten Identitäten heraus. Aber: Diese Lebenstrümmer werden mit außerordentlicher Sprachkraft wie auch mit hohem, oftmals "bebendem" Körpereinsatz auf die Bühne gezaubert, sodass sie sich im Kopf der Zuschauer wieder zu einer Welt neuer Qualität runden (Choreografie: Valentí Rocamora i Torà; Bühne und Kostüme: Dirk Becker). Dabei entstehen ganz phantastische Bilder und Spielsituationen. Von der "wunderbaren Ver-wirrung" war dann auch im Publikumsgespräch die Rede.
Aber selbst die Schauspieler Sophie Melbinger, Nanette Waidmann, Benedict Fellmer, Raphael Gehrmann, Dominik Lindhorst-Apfelthaler und Hendrik Richter sowie Regisseur Erich Sidler und Dramaturgin Sonja Winkel zeigten sich glücklich über den Erfolg des Stücks, obwohl es eines neuen Anlaufs bedurft hatte, denn in Heidelberg wird "Beben" schon seit Monaten nicht mehr gespielt.
Die gesamte Riege unterstrich, dass die Inszenierung von "allen zusammen komponiert" wurde und das Aufführungserlebnis auch jetzt wieder "total schön" war. Dieses Etikett möchte man auch den Schauspielerleistungen zuschreiben, wobei vielleicht Dominik Lindhorst-Apfelthaler und Hendrik Richter besonders herausragten.
Intendant Holger Schultze stellte schon im Vorfeld fest: "Da ist etwas ganz Besonderes gelungen." Bei Autorin Maria Milisavljevic hatte im Jahr 2015 der Zusammenprall von Flüchtlingsstrom und bundesdeutscher Medienwelt den Schreibprozess für ihr Stück "Beben" ausgelöst.
Das war also die erste und sofort Funken schlagende Begegnung des Heidelberger Theaters und seines 1984 gegründeten Stückemarkts mit den bereits 1976 gestarteten Mülheimer Theatertagen. Aber dennoch haben die beiden renommierten Festivals für deutschsprachige Gegenwartsdramatik seit Langem viel gemeinsam. Das mag besonders eine Zahl verdeutlichen: Sämtliche Mülheimer Preisträger seit 1992 waren mit Werken auch beim Heidelberger Stückemarkt vertreten - selbst wenn man bis ins Gründungsjahr Mülheims zurückgeht, war das in 43 Ausgaben nur fünf Mal nicht der Fall.
Und über die Jahre war es praktisch die Regel, dass ein, zwei Inszenierungen des Heidelberger Stückemarktes auch in Mülheim zu sehen waren. Aber jetzt waren - mit "Beben" - gleich fünf von sieben Mülheimer Gastspielen zuvor in Heidelberg zu sehen.
Ausgenommen sind lediglich Elfriede Jelineks Stück "Am Königsweg" (Hamburg), das jedoch kürzlich auch in Heidelberg Premiere hatte, und Thomas Köcks "paradies spielen" aus dem nahen Nationaltheater Mannheim.
Ernsthafte Konkurrenten
Seit dem Amtsantritt von Holger Schultze 2012 gibt es bereits eine strukturelle Verbindung des Stückemarkts mit den Mülheimer Theatertagen: Heute wird der Mülheimer Kinderstückepreis am Neckar, der Heidelberger Jugendstückepreis an der Ruhr gezeigt.
Hinzu kommt eine personelle Nähe: Denn der überregionale Theaterkritiker Jürgen Berger aus Heidelberg, Mitglied sowohl des Auswahlgremiums als auch der Preisjury in Mülheim, hatte zudem beim Stückemarkt Funktionen inne - zuletzt war er hier Korea-Scout.
Mag es auch bis zur 43. Mülheimer Festivalausgabe gedauert haben, bis das Heidelberger Theater dort teilnahm, so war dies umgekehrt viel früher der Fall. Denn schon Ende der 1980er Jahre war das Theater an der Ruhr mit zwei Inszenierungen Roberto Ciullis beim Heidelberger Stückemarkt im damaligen Großen Haus zu Gast: 1988 mit "Kaspar" von Peter Handke und 1989 mit "Dantons Tod" von Georg Büchner; in beiden Fällen stammten die Bühne von Gralf-Edzard Habben und die Kostüme von Klaus Arzberger.
Das ist weit zurückgeschaut. Jetzt spielt die Musik erst einmal bei den Mülheimer Theatertagen, die ihr Hauptstandbein in der dortigen Stadthalle haben. Nun hat Erich Sidler, Intendant des Deutschen Theaters Göttingen, das Kunststück fertiggebracht, nicht nur als Regisseur des Heidelberger "Bebens" zu fungieren, sondern zugleich auch des Göttinger Festivalstücks "Fräulein Agnes" von Rebekka Kricheldorf. Diese Sidler-Inszenierung gehört zu jenen, die zuvor beim Heidelberger Stückemarkt einen starken Eindruck hinterlassen hatten und jetzt ernsthafte Konkurrenten für das Theater Heidelberg sind.
Die öffentlich geführte Jurydebatte zur Vergabe des Mülheimer Dramatikerpreises 2018 findet im Anschluss an die letzte Vorstellung am 2. Juni im Theater an der Ruhr statt.
