Randale bei der Waldhof-Relegation: 45 Verletzte bei Ausschreitungen nach dem Pyro-Inferno (Update)
Mannheim. (pol/dpa/mare) Als um 14 Uhr am Sonntag die Partie um den Aufstieg in die 3. Liga zwischen dem SV Waldhof Mannheim und dem KFC Uerdingen im Carl-Benz-Stadion angepfiffen wurde, war die Stimmung der 24.000 Zuschauer bundesligareif. Zwei Stunden später war davon nicht mehr viel übrig. Nach dem wegen des Pyro-Infernos abgebrochenen Spiel kam es zu Ausschreitungen. Die Polizei zieht Bilanz.
Im Vorfeld der Begegnung, so teilen die Beamten mit, versammelten sich etwa 800 Waldhof-Anhänger auf dem parallel stattfindenden Stadtfest in Mannheim und zogen dann in einem Fanmarsch über die Augusta-Anlage/ Theodor-Heuss-Anlage in Richtung Carl-Benz-Stadion. Auf dem Fanmarsch wurden bengalische Feuer abgebrannt und Böller gezündet.
Außerdem kam es zwischenzeitlich zu Verkehrsbeeinträchtigungen. Aus dem Fanmarsch wollten sich etwa 60 Personen in Richtung Gästeparkplatz absetzen, dies wurde durch Anwendung von Pfefferspray von Einsatzkräfte der Polizei verhindert.
Gegen 12.40 Uhr nutzte ein Fanbus mit Fans vom KFC Uerdingen nicht den von der Polizei empfohlen Anfahrtsweg, sondern fuhr am Carl-Benz-Stadion vorbei und wurde kurz vor dem Gartenschauweg in Höhe eines Szenetreffs von Waldhof-Fans attackiert.
Auf den Bus wurden unter anderem Flaschen und Gläser geworfen. Dank des schnellen Einschreitens seitens der Polizei konnte der Bus seine Anhänger am Gästeeingang abliefern. Ein Uerdingen-Fan erlitt bei dem Vorfall eine Platzwunde am Kopf. Ob ein Schaden am Bus entstand, bedarf weiterer Ermittlungen.
Zu Beginn des Spiels wurden Rauchtöpfe in der Osttribüne über einen längeren Zeitraum im Rahmen einer Choreographie abgebrannt. Die Choreografie wurde aus dem Gästefanblock mit Böllerzündungen beantwortet.
Während des Spiels kam es kurz nach 14.30 Uhr auf der Gästetribüne zu einer Auseinandersetzung zwischen mehreren Anhänger des KFC Uerdingen und des SV Waldhof Mannheim. Der Ordnungsdienst des SV Waldhof wollte die Gruppierungen voneinander trennen. Hierbei wurden mehrere Ordner durch Schläge und Tritte verletzt.
Infolge dessen unterstützte die Polizei mit starken Kräften den Ordnungsdienst des Stadions. In der Folge konnten weitere Auseinandersetzungen im Gästefanblock verhindert werden. Nachdem im Heimblock wahrgenommen worden war, dass es im Gästebereich zu Ausschreitungen gekommen war, versuchten etwa 80 zum Teil vermummte Waldhof-Anhänger hinter der Nord-Tribüne vorbei an den Gästeblock zu gelangen.
Auch hinter der Süd-Tribüne versuchten Heimanhänger zu den Gästen zu gelangen. Beides wurde durch starke Polizeikräfte verhindert. Kurz vor 15.30 Uhr wurden im Gästebereich sechsmal Pyrotechnik gezündet.
Ab der 76. Spielminute kam es zu Provokationen und Pöbeleien von Waldhof-Anhängern ausgehend von der Südtribüne in Richtung Gästetribüne. Auch diese Situation konnte durch verstärkte Polizeipräsenz statisch gehalten werden, eine Eskalation wurde verhindert.
Beim Spielstand von 1:2 wurden gegen 15.45 Uhr von der Osttribüne, in der Anhänger des SV Waldhof standen, massiv Pyrotechnik abgebrannt und teilweise auf das Spielfeld verschossen.
Es handelte sich um sogenannte bengalische Feuer, Rauchtöpfe, Silvesterleuchtraketen und Böller. Ein Ordner wurde dabei verletzt.
Hierauf unterbrach der Schiedsrichter die Partie und führte die Mannschaften vom Feld. Unter der Berücksichtigung von Verhältnismäßigkeitsgrundsätzen und Abwägung verschiedenster möglicher Einsatzszenarien entschloss sich der Polizeiführer dazu, keine aktive Intervention auf der Osttribüne bezüglich der Pyrotechnik durchzuführen.
Dies hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu massiven Zusammenstößen zwischen Polizei und Anhängern des SV Waldhof geführt und eine nicht tragbare Eskalation und Gefährdung der Akteure geführt. Nachdem die Lage sich offensichtlich beruhigt hatte, entschied sich der Schiedsrichter in Absprache mit dem Polizeiführer, die Partie erneut anzupfeifen.
Nachdem das Spiel wieder angepfiffen wurde, kam es erneut zu "Straftaten gegen das Sprengstoffgesetzes" ausgehend von der Osttribüne, worauf der Schiedsrichter das Spiel abpfiff.
Nach Abpfiff kümmerten sich die Polizeikräfte um die Aufrechterhaltung der Fantrennung. Mehrfach versuchten nun Waldhof-Anhänger, zu den Gästefans vorzudringen, was aufgrund massiver Polizeipräsenz verhindert werden konnte.
Um die sichere Abreise der Fanbusse aus Uerdingen zu gewährleisten, wurden rund um den Gartenschauweg und dem dortigen Bereich der Theodor-Heuss-Anlage massive Polizeikräfte zusammengeführt.
Nach einer Festnahme von zwei Waldhof-Anhängern nach vorausgegangener Körperverletzung gegen einen Ordner, nahe des bereits eingangs erwähnten Szenetreffs von Waldhof-Anhängern, kam es zu Ausschreitungen.
Einsatzkräfte wurden von Waldhof-Anhängern, die vor dem Szenetreff standen, mit Flaschen und Gläsern beworfen. Auf einen Polizeibeamten, der am Boden lag, wurde massiv eingetreten, unter anderem auch gegen den Kopf und in den Unterleib. Der Schutzausrüstung sei Dank, dass der Beamte nur leicht verletzt wurde. Der Täter konnte im Nachgang von Einsatzkräften festgenommen werden.
Die Einsatzkräfte wurden zudem von Anhängern aus dem Szenetreff mit einer großen Mülltonne und einer Bierbank beworfen. Die Randalierer wurden unter Anwendung von Zwangsmaßnahmen in den Szenetreff zurückgedrängt, der Außenbereich geräumt und die störungsfreie Abfahrt der Busse aus Uerdingen gewährleistet. Während dieser Maßnahmen wurden insgesamt drei Polizeibeamte leicht verletzt.
Bezüglich der Straftaten, die durch Pyrotechnik begangen wurden, werden die Videoaufzeichnungen im Nachgang des Spieltages ausgewertet und die Verantwortlichen zur Anzeige gebracht. Hierbei handelt es sich nicht nur um einen Verstoß gegen die Stadionverordnung, sondern auch um Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz.
Außerdem besteht hier der Verdacht von Körperverletzungsdelikten. Es wurden mehrere Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruchs eingeleitet. Die Ermittlungen werden mit der gewohnten Akribie durchgeführt, in der Hoffnung die Tatverdächtigen ermitteln zu können, so die Polizei.
Während der Abreise kam es außerdem zu zwei Körperverletzungsdelikten in der Nähe des Hauptbahnhofs, zwei Tatverdächtige konnten vorläufig festgenommen werden.
Insgesamt wurden 45 Personen während des Einsatzes verletzt, davon sechs Polizeibeamte. Es wurden zehn Festnahmen getätigt. Bislang wurden 24 Strafanzeigen gefertigt, deren Zahl sich nach der Auswertung der Videoaufnahmen noch erhöhen wird.
"Es sind mehrere Kameraeinstellungen, die jetzt komplett gesichtet werden", sagte ein Polizeisprecher am Montag. "Das kann sich über mehrere Wochen hinziehen."
"Es wird auf jeden Fall bei jeder Tat ein Strafverfahren eingeleitet", kündigte er an - notfalls gegen unbekannt. Ihm zufolge kommen zahlreiche Delikte in Frage - von Körperverletzung über Landfriedensbruch bis hin zu Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz.
Durch die Videoaufnahmen wollen die Ermittler auch herausfinden, wie viele Raketen gezündet wurden und von wem, wie der Sprecher sagte.
Der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat indes das Ende der Gesprächsbereitschaft signalisiert. "Der deutsche Fußball ist den Fans weite Schritte entgegengegangen. Und wenn das die Antwort auf ein Entgegenkommen und ein Dialogangebot ist, sind wir jetzt am Ende angekommen", sagte Ronny Zimmermann. "Ich habe so etwas noch nie erlebt, einen Spielabbruch auf so einer Ebene. Da müssen wir nicht mehr über Fußballkultur sprechen, mit so etwas möchte ich nichts zu tun haben."
Update: 28. Mai 2018, 10.58 Uhr
