Heidelberger Frühling 2018: Lieder von Leid und Hoffnung
Von Rainer Köhl
Heidelberg. Zwei musikalische Kulturen trafen aufeinander beim jüngsten Konzert des Heidelberger Frühlings in der gutbesuchten Jesuitenkirche: die europäische und die orientalische, und sie begannen einen Dialog über die großen Themen Liebe und Exil. Werke des europäischen Barock und arabische Gesängen trafen in schönster Eintracht aufeinander beim Programm "The hundred colours of exile and love". Der belgische Organist Bernard Foccroulle tat sich zusammen mit der ukrainischen Barock-Sängerin Olga Pasichnyk und dem Oud-Spieler Moneim Adwan. Für das Flüchtlings-Rettungsprojekt "SOS Mediterranée" setzen sich die drei Künstler ein, dem sie ihr Programm auch widmeten.
John Dowlands "Flow my tears", oder "My Lady Carey’s Dompe" eines englischen Anonymus aus dem 16. Jahrhundert gab Olga Pasichnyk schönste Zartheit. In wunderbarer Reinheit ließ sie ihre Linien strömen, erreichte eine delikate Modulationskunst des feinen Klangs und der farblichen Nuancen. Das passte übrigens bestens zu der neu ausgestellten Installation "Licht vom Licht" von Ludger Hinse (Recklinghausen), der in den Heidelberger Altstadtkirchen eindrucksvolle farbige Glaskreuze von der Decke herabhängen lässt. Ruhevoll flossen die europäischen Gesänge in die arabischen, wechselten sanft und organisch von der Orgelempore auf die Stufen des Altarraums. Ebenso meisterlich wie die beiden europäischen Musiker formte der palästinensische Musiker Moneim Adwan die arabische Musik dazwischen. Auf der arabischen Laute, der Oud begleitete er seine Gesänge.
Lebhaft wurde der Gesang des Sängers in seiner Eigenkomposition "Arif - I know", das suggestive Kraft gewann. Zu tänzerischem Elan wurde das Lied leidenschaftlich gesteigert. Der Tanz schwang weiter in Frescobaldis "Cosi mi disprezzate" und in Francisco Correa de Arauxos "Tiento de tiple de segundo tono", elastisch fließend, tanzend und singend, dialogisierend. Schönste Schmiegsamkeit und Frische gab Olga Pasichnyk ihren Gesangslinien.
Feine Juwele ließ die Sopranistin aus ihren Gesängen leuchten, in den Werken von Barbara Strozzi oder in den Hoheliedvertonungen, darunter Alessandro Grandis "Quam pulchra es". Fein schwingend zwischen zartem Aufglimmen und Verglühen formte die Barockspezialistin ihre Phrasen. Und auch Bernard Foccroulle vertonte Verse aus dem Hohelied: "Nigra sum".
Erhebende Spiritualität entwickelte Moneim Adwan in seiner Vertonung von Muhyi-d-dîn Ibn ’Arabis "The holy Spirit", ließ seine Gesänge in einen Dialog treten mit seinem Oud-Spiel. Wie aus einer anderen Welt schloss sich ein Bach-Choral an, "O Mensch bewein dein Sünde gross". Am Ende des Konzerts einten sich die drei bei einem arabisch-andalusischen Lied in einem stillen Gesang der Hoffnung.
