Forum zu Gentechnik in Walldorf: Darf der Mensch Gott ins Handwerk pfuschen?
Von Sabine Hebbelmann
Walldorf. Die CRISPR-Genschere gilt als mächtiges Instrument der Gentechnik. Sie könnte Erbanlagen korrigieren und genetisch bedingte Krankheiten verhindern helfen. Doch darf der Mensch Gott ins Handwerk pfuschen und seinen eigenen Bauplan verändern? Ralf Tolle von der Projektgruppe "Punktsieben - Foyer am Sonntagabend" der evangelischen Kirchengemeinde Walldorf machte bei der Einführung deutlich: Was "nach Werbung für Kartoffelchips klingt", hat es in sich. Forscher aus aller Welt seien begeistert, zugleich warnten sie und rieten zu einem Innehalten. Der Deutsche Ethikrat habe die Bundesregierung aufgefordert, das Thema in den internationalen Gremien zu behandeln. Von zwei Seiten näherte sich das Diskussionsforum dem komplexen Thema an und hatte hierzu zwei Heidelberger Universitätsprofessoren eingeladen: Michael Boutros, Biochemiker am DKFZ, und Philipp Stoellger vom Lehrstuhl für Systematische Theologie.
Das Erbgut, auch Genom genannt, besteht beim Menschen aus rund drei Milliarden Basenpaaren. Das entspreche 140 eng beschriebenen Seiten, erläuterte Boutros. Doch auch wenn sich die "Buchstabenfolge" der DNA inzwischen innerhalb weniger Tage "lesen" lasse, gebe es doch in Bezug auf die Regulierung der Gene und die Steuerung der komplexen Vorgänge innerhalb der Zellen vieles, was die Wissenschaft nicht verstehe. Beim "(Um)Schreiben" des Genoms sei Vorsicht geboten, da noch nicht absehbar sei, wie sich Eingriffe auswirkten. Zwar könne die Genschere gezielt bestimmte Abschnitte des DNA-Stranges herausschneiden, doch beim Einsetzen der gewünschten Sequenz könnten sich im Zuge der körpereigenen Reparaturprozesse Fehler einschleichen.
Erlaubt seien Anwendungen, die auf Körperzellen begrenzt seien, etwa die Gentherapie. In Deutschland bisher verboten seien dagegen genomchirurgische Eingriffe in Zellen der Keimbahn (Eizellen und Spermien), die sich auch auf folgende Generationen auswirken. Hierzu zählte der Wissenschaftler die Verhinderung monogenetischer Krankheiten oder auch den Einsatz für ein "Designer Genom".
Hier setzten dann auch die ethischen und theologischen Fragestellungen an: Philipp Stoellger umriss die Diskussion im Ethikrat. Zu den wichtigsten medizinethischen Begriffen zählten Fürsorge, Schadensvermeidung, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. "Auch die Genomkorrektur an Keimzellen kann eine mögliche Wohltat sein", betonte Stoellger. Die Ablehnung des bekannten Theologen Wolfgang Huber im Ethikrat sei insofern "nicht ganz plausibel" gewesen. Huber hatte geäußert: Wenn der Mensch im Zuge von Eingriffen in die menschliche Keimbahn nach einem von anderen Menschen entworfenen Bauplan gestaltet werde, widerspreche dies seiner Würde. Dagegen warnte Stoellger davor, die Person mit ihrem Genom zu identifizieren (schließlich hätten auch eineiige Zwillinge jeweils eine eigene Identität) und Gott "zum Supergenetiker zu stilisieren".
Wichtiger sei die Frage nach dem Menschenbild und danach, in welchem Geiste die Technik eingesetzt werde. Jeder Gottesdienst sei im Übrigen "eine OP an der offenen Seele" mit dem Anspruch, den Menschen neu zu machen. "Forschungsverbote helfen nicht", sagte der Theologe und erinnerte daran, dass die Kirche beim Thema Stammzellforschung zurückgerudert sei. Er sprach sich gegen einen Gen-Glauben und für ein differenziertes und wissenschaftlich begründetes Urteil aus. Wenn Eingriffe in die Keimbahn zur Vermeidung von Krankheiten sicher und nebenwirkungsfrei möglich würden, könnte eine Ablehnung unterlassene Hilfeleistung bedeuten, machte Stoellger deutlich. Sie würden dann zu einer rechtlichen Pflicht, wie die Masernimpfung.
Doch in der Diskussion blieb manche Frage offen. Was, wenn die Anwender nicht vom Geist Gottes beseelt, sondern vom Mammon verführt sind? Wie lassen sich Regulierungen im Sinne der Menschenwürde international durchsetzen, auch angesichts der Tatsache, dass CRISPR recht einfach anzuwenden ist? Genannt wurden Medienberichte über "Bio-Hacker", die illegal versuchen, die Technologie selbst einzusetzen. Kritisch gesehen wurden auch Bestrebungen der Agrogentechnik, die Deklarierung von Lebensmitteln als gentechnisch verändert zu vermeiden, um so die Akzeptanz zu steigern. Schließlich könnten Veränderungen durchgeführt werden, ohne dass man sie nachweisen könne.
