Postkarten-Sammlung: Auf Zeitreise durch Ladenburg
Von Axel Sturm
Ladenburg. Auch in der heutigen Zeit zeigt sich noch immer, dass das Jagen und Sammeln im Menschen verankert ist. Diese Urinstinkte, die in der Steinzeit überlebenswichtig waren, sind so auch noch mehr oder weniger ausgeprägt. Vom Jagen leben bekanntlich ganze Industriezweige, und die Sammelleidenschaft mancher Menschen nimmt gar skurrile Formen an. Es gibt Sammler von Bierdeckeln, Fingerhüten oder Speisekarten, es gibt Münz-, Briefmarken- und Kunstsammler. Einer ganz besonderen Sammelleidenschaft aber frönt der Mannheimer Peter Engel, der mit der Ladenburgerin Gisela Engel verheiratet ist.
Bei der Haushaltsauflösung seiner Urgroßmutter entdeckte Peter Engel ein Album mit alten Postkarten. Rund 400 Karten aus dem alten Mannheim und der Umgebung waren darin einsortiert. "Eigentlich zu schade, um es wegzuwerfen", sagt er. Also behielt er das Album.
Einige Jahre später kramte er es einmal wieder heraus. Denn Engel hatte gelesen, dass es auch in Mannheim Postkartensammler gibt. Der erste Interessent bot ihm 350 DM für die Karten. Ein zweiter Händler wollte sie für 650 Mark kaufen. Engel wurde stutzig. Er traf sich mit einem dritten Interessenten, der aber nur einzelne Postkarten wollte. Er war außerdem an Tauschgeschäften interessiert. Und Engels Sammelleidenschaft begann.
Immer öfter besuchte er nun Flohmärkte, um nach alten Postkarten Ausschau zu halten. Ihm war klar, welch historischen Schatz ihm seine Urgroßmutter überlassen hatte. Mehrere Tausend Postkarten kann Engel inzwischen sein Eigen nennen. "Aus meinem Stadtteil Wallstadt dürfte ich alle jemals hergestellten Postkarten haben", sagt er beim Besuch der RNZ in seinem Postkartenarchiv.
Ehefrau Gisela wurde ebenfalls vom Sammelfieber gepackt. Sie war es, die Engel vorschlug, auch Postkarten aus ihrer Heimatstadt Ladenburg zu sammeln und daraus ein Album zu gestalten. "Ich kann meiner Gisela keinen Wunsch abschlagen", sagt Engel und lacht.
Seine Sammlung Ladenburger Postkarten ist beeindruckend. Beim Betrachten begibt man sich auf eine Zeitreise, die um 1890 beginnt. Die Lithografie-Drucktechnik für farbige Karten wurde etwa zehn Jahre lang angewandt.
Die kleinen Kunstwerke leisteten sich überwiegend die Vertreter der sogenannten besseren Gesellschaft, um ihre Grußbotschaften zu versenden. Damals gab es kein Telefonnetz, Internetnachrichten wurden erst über 100 Jahre später flächendeckend geschrieben.
Eine Postkarte zu schreiben, ist heute fast schon ein wenig altmodisch. Daher gibt es auch in Ladenburg kaum noch aktuelle Postkarten zu kaufen. Vor 130 Jahren waren die Motivkarten aber die einzige Möglichkeit, persönliche Grüße zu verschicken. Aus Ladenburg wurden Postkarten in die ganze Welt verschickt, viele davon sind Engel in die Hände gefallen. Zum Beispiel die Grußadresse von Eugen Benz. Der Sohn des Autoerfinders Carl Benz schrieb an seine Frau, dem lieben Schatzi, in Ladenburg eine Karte, als er in Berlin weilte. Im Empfängerfeld steht Frau Eugen Benz, was damals gewöhnlich war.
Auch viele Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg befinden sich im Besitz von Sammler Engel. Die Empfänger sollten die beruhigenden Nachricht erhalten, dass es den Soldaten im Felde gut geht, natürlich wurde auch die Liebe zur Familie bekundet. Besonders interessant sind die Leporello-Ladenburg-Karten. Faltbilder sind in die Karte eingearbeitet, die herausgeklappt werden konnten. Fast immer sind der Marktplatz, die Galluskirche und das Martinstor zu sehen.
Engel hat Ansichten von allen wichtigen Gebäuden in allen Zeitepochen. Das Neunhellerhaus ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich ein Gebäude verändern kann. Vom abbruchreifen Zustand bis zum schmucken Häuschen nach der Restaurierung gibt es viele Postkartenansichten. Auch der Bischofshof hatte viele Gesichter. Eine Postkarte mit dem weißen Anstrich der Außenfassade sticht geradezu ins Auge.
In den 1950er-Jahren war es ganz gewöhnlich, dass jede Gaststätte ihre eigene Postkarte hatte. Die Ansichten der Zwiwwel, der Apfelweinstube, des Bahnhofshotels, des Würzbürger Hofs, des Eiscafés Venezia, des Ochsen oder Schwanen und des Alten Klosters erinnern an die Zeiten, als Ladenburg als Stadt der Gastronomie noch einen sehr guten Namen hatte.
Auch die Bauernhöfe in der Altstadt sind auf den Postkarten von Engel festgehalten. Ehefrau Gisela ist zudem stolz auf viele Ansichten alter Ladenburger Betriebe. Ihre Eltern hatten am Milchbuckel eine Baumschule, sodass sie ein besonderes Augenmerk auf die Baumschulenpostkarten geworfen hat.
Kunstwerke sind die gezeichneten Postkarten des Heimatmalers Carl Ludwig Fortner (1880 bis 1956), der als Beruf Kunstbildhauer angab. 1934 war er Leiter der Heimatspiele auf dem Marktplatz und auch davon hat Engel einige Postkarten. "In meinem Fundus liegen noch einige Hundert Ladenburg-Motive, die ich noch in die passende Rubrik einfügen muss", sagt der Sammler, als er die letzte Seite seines Ladenburg-Albums präsentiert.
Ob eine Postkartenausstellung in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv geplant sei? "Wir gehen ja bald in Rente, dann reden wir noch mal darüber", sagt Engel, "aber nur, wenn die Karten auch geschützt werden können." Es bleibt zu hoffen, dass die Zusammenarbeit zustande kommt. Denn auf diese Zeitreise sollten alle geschichtsinteressierten Ladenburger mitgenommen werden.
