Neckarbischofsheim: Nackte und Engel haben sich gefunden
Von Günther Keller
Neckarbischofsheim. Am fehlenden Briefkasten soll es jedenfalls nicht liegen, wenn sich die Eröffnung verzögern sollte. Schlosseigner Heinrich Schäfer und sein Pächter Matthias Engel schraubten eigenhändig einen grellgrünen Boliden von Postkasten neben die Eingangstür. Der von Seiten der Post vorgebrachte Einwand, die Adresse Schlossstraße 1, unter der seit 190 Jahren der einstige Helmstattsche Adelssitz vermerkt ist, sei nicht zustellfähig, dürfte damit entkräftet sein. Jetzt müssen sie nur noch kommen, die Genehmigungen und Bescheide von Gewerbeamt, Handelsregister, Finanzamt - und das Schlosshotel wird nach fünfmonatiger Zwangspause wieder seine Tore öffnen. Angepeilt ist der 1. Februar. Organisatorisch ist bereits alles angerichtet.
Dem behördlichen Plazet, an das eine ordnungsgemäße Hotel- und Restauranteröffnung geknüpft ist, ist Matthias Engel hinterher "wie ein Haftelmacher". Der Mann stammt aus Wien, und das hört man. Mit seinen 44 Jahren hat er schon reichlich Erfahrungen in der Gastronomie gesammelt: Ein Resort in Kitzbühel, das "Intercontinental" in Stuttgart, das Berliner "Adlon" und das "Shangr-La" in der österreichischen Hauptstadt sind Stationen seiner Vita.
Inzwischen hat er ein mittelgroßes Gastro-Imperium aufgebaut, fungiert als Geschäftsführer in acht Häusern mit jeweils eigener GmbH, von denen der "Ritter" in Heidelberg das Aushängeschild bildet. Das Schlosshotel in Neckarbischofsheim ist sein neuntes Projekt. "Ich will das Haus aus dem Dornröschenschlaf wecken", hat sich Matthias Engel vorgenommen.
Beim Wachküssen sollen der neue Hoteldirektor Tassos Papadopoulos und "Brunhilde" helfen. "Brunhilde", das ist die beinlose, aber bekrönte Frauengestalt, die als Sandsteinfigur seit knapp 300 Jahren den Schlosspark ziert und inzwischen im Hotelfoyer Schutz gefunden hat, während ihre Kopie im Vorgarten ausharrt. Die Nackte findet sich auf dem Teppichboden des Restaurantbereichs, ebenso wie auf den Briefköpfen und auf der Speisekarte des Schlosshotels. Für Matthias Engel hat die Brunnengestalt einen hohen Wiedererkennungswert und eine Signalwirkung: Dieser Gastro-Betrieb, so soll die Holde bedeuten, ist etwas Besonderes.
Dieses Besondere, "das aber nicht abgehoben ist" (Engel), soll wiederum Tassos Papadopoulus ins Blickfeld rücken. Ihm wurde die Gastronomie praktisch in die Wiege gelegt: Die Eltern führen seit Jahrzehnte erfolgreich das Restaurant "Sokrates" mit Fremdenzimmern in Neckarsteinach - das war die Grundlage für den gelernte Restaurantfachmann, der sich zuletzt im Heidelberger "Ritter" die Meriten für das Schlossmanagement in Neckarbischofsheimer verdiente. Hochzeiten, Tagungen, Ausflügler - das sollen die Standbeine für das gastronomische Geschäft im Kraichgaustädtchen sein.
Pluspunkte sind dabei die Lage in direkter Nachbarschaft zu einem der schönsten Trauzimmer im Land, die Nähe zu Einrichtungen wie der Badewelt und dem Technik-Museum in Sinsheim oder dem Hockenheim-Ring. Tasso Papadopoulos übernimmt ein weitgehend geordnetes Haus, so seine Einschätzung. Da und dort ein paar Reparaturen, neue Bettwäsche und Tischdecken, ein paar Neuanschaffungen für die Küche - insgesamt brauche es aber nicht viel, um das 30-Zimmer-Hotel mit Restaurant in Fahrt zu bringen, erklärt der Direktor. Mittelfristig, so ergänzt Matthias Engel, werde es wohl einige Auffrischungen geben, etwa bei der Möblierung, aber am Charakter des etwas barock wirkenden Interieurs will er grundsätzlich nichts ändern: "Das ist schließlich ein Schloss und keine Wirtschaft."
Die Küche soll überdurchschnittlich, "aber nicht spinnert sein", gibt Matthias Engel die Marschrichtung vor. Lieber verzichtet man auf einen Michelin-Stern als auf Kundschaft. Brunch-Angebote und eine Patisserie, die zum Kaffee auf die Terrasse lockt, gehören ebenfalls dazu. Die Crew, bestehend aus etwa einem Dutzend Kräften, hat man inzwischen weitgehend zusammen.
Und wie kam der Wiener mit Arbeitsplatz Heidelberg nach Neckarbischofsheim? Es war Zufall. Matthias Engel stand eines August-Abends auf der Autobahn bei Sinsheim im Stau. Nach dreistündiger Warterei bog er ab und suchte sich ein Plätzchen zum Abendessen. Man kam mit dem Nachbartisch ins Plaudern. Dort saßen Heinrich Schäfer und seine Tochter Daniela von Gemmingen-Hornberg. Die beiden hatten gerade ein Schloss frei.
