Letzter Dorfladen in Spechbach: Am Samstag ist Schluss
Von Christoph Moll
Spechbach. Die Fleischtheke ist prall gefüllt und macht Lust auf Steak, Schinken und Salami. Die Metzgerei Meister hat am Donnerstagmorgen gerade geöffnet, da stehen die Kunden schon Schlange. Nichts deutet hier darauf hin, dass die Tage des Geschäfts in der Ortsmitte gezählt sind. Im Gegenteil. Und dennoch wissen es hier bereits alle: Am Samstag ist Schluss. Es ist mehr als nur die Schließung eines Geschäfts. Denn mit der Metzgerei verliert das 1800-Seelen-Dorf zwischen Heidelberg und Sinsheim seinen letzten Laden - und seinen sozialen Mittelpunkt.
Es ist noch keine 20 Jahre her, da florierte der Einzelhandel hier noch. Lebensmittelladen, Bäckerei, Getränkehandel, Haushaltswarengeschäft - nichts fehlte. Doch ein Laden nach dem anderen machte für immer zu. Als vergangenes Jahr die Bäckerei dichtmachte, schloss die Metzgerei die Versorgungslücke und nahm mehr Backwaren sowie Milch, Eier und Butter ins Angebot - mit Erfolg.
"Wir sind momentan auf dem Höhepunkt, es läuft sehr gut", sagen Walter und Christa Meister, die die Metzgerei in dritter Generation seit 1972 betreiben. Gerade deshalb kam die Schließung nicht nur für Bürgermeister Guntram Zimmermann völlig überraschend. "Wir haben lange überlegt und es war keine leichte Entscheidung, aber irgendwann muss Schluss sein", sagt Christa Meister. "Für uns gilt: Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören."
Zur Entscheidung haben mehrere Gründe geführt. Walter und Christa Meister haben mit 70 und 68 Jahren das Rentenalter erreicht und wollen kürzer treten. Dass die Söhne Walter und Thorsten, 42 und 45 Jahre, die Metzgerei weiterführen, war eine Option. Metzger Walter und Fleischereifachverkäufer Thorsten arbeiten bereits seit den 90er Jahren im Betrieb und können sich nun noch umorientieren. Denn: "Wer weiß, wie lange es noch so gut läuft", sagt Christa Meister. "In zehn Jahren ist der Einzelhandel auf dem Land wohl ganz ausgestorben."
Die Geschichte der Metzgerei begann Ende des 19. Jahrhunderts mit der Gründung durch den Großvater von Walter Meister. Seit 1936 befindet sich das Geschäft in der Hauptstraße. Die Metzgerei mit Partyservice und drei Aushilfen hat die ganze Familie ernährt. Bis heute wird selbst geschlachtet, das Fleisch stammt aus Nachbardörfern. Für die Lyoner und die Grillsteaks kamen die Kunden aus der ganzen Umgebung.
Und es war mehr als eine Metzgerei: "Wir waren Ansprechpartner in allen Lebenslagen", erzählt Sohn Thorsten. Hier wurden Nachrichten aus dem Rathaus verbreitet und auch mal Wohnungen vermittelt. Hier trafen sich Freunde auf einen Kaffee.
"Ich habe ein bisschen Angst vor dem Samstag, wir hören mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf", sagt Christa Meister. "Die Kundschaft wird uns fehlen, aber nun haben wir mehr Zeit für unsere Enkel." Walter Meister will sich zudem mehr seiner Schafzucht mit 20 Tieren und seiner Streuobstwiese widmen. Ihr Wohn- und Geschäftshaus wollen die Meisters zunächst behalten. Wo sie künftig einkaufen, wissen sie nicht: "Ich war ja noch nie bei einem anderen Metzger", schmunzelt Christa Meister.
