Familienbetrieb in Hockenheim: Pferdesport-Krämer ist ein "heimlicher Champion"
Von Harald Berlinghof
Hockenheim. Über 800 Mitarbeiter weltweit, davon rund 280 im Hockenheimer Gewerbegebiet Talhaus - und 25.000 verschiedene Reitsportartikel liegen bei Pferdesport-Krämer auf Lager. Die Palette reicht von der Damenreithose mit Grip-System am Hintern für tadelloses Aussehen und perfekten Halt im Sattel über das Schweifspray bis hin zum Pferde-Leckerli namens "Einhorn-Beerentraum".
Alles, was der Hobby- und Profireiter eben so braucht. Und bei Online-Bestellung hat man den Anspruch, spätestens am nächsten Tag zu liefern. Das klappt nicht immer, aber oft. Auch dank der teil- und voll automatisierten Lagerhaltung. Ein Computer muss eben nicht lange überlegen, wo er ein Produkt im Hochregallager abgelegt hat. Er weiß es einfach. Und deshalb können es sich die Arbeiter auch leisten, im sogenannten AKL (Automatisches Kleinteile-Lager) die Ware chaotisch einzuräumen. Das spart Zeit, und man findet die Produkte wieder. Der Computer vergisst schließlich nie.
Seit 2012 hat man bei Krämer die Automatisierung vorangetrieben. Das Automatisierte Palettenlager (APL) kam 2014 dazu. Und man würde gerne weiter expandieren, steht aber noch in Verhandlungen mit der Stadt Hockenheim. Die Mitarbeiterzahl konnte man jedenfalls aufgrund des Wachstums trotz Automatisierung stabil halten - anders als bei Siemens oder GE. Aktuell sind im Kleinteilelager 104.000 blaue Kunststoffboxen mit den Maßen 50 auf 50 Zentimeter eingelagert. 1200 dieser Boxen können stündlich vom automatischen Robotsystem eingelagert und herausgeholt werden. Wie von Zauberhand gesteuert, sausen die Transportsysteme auf Schienen zwischen den Hochregalen zum richtigen Platz. Nicht viel anders, nur mit größeren Einheiten, sind die Abläufe im sogenannten APL (Automatisiertes Palettensystem). 8000 bis 9000 Artikel werden auf diese Weise täglich verschickt. In Spitzenzeiten, wie jetzt zu Weihnachten, wird alle sechs Sekunden ein Paket fertig. Doch die Online-Bestellungen oder die Bestellungen über den Katalog, der eine Auflage von etwa einer Million Stück hat, sind nur eines von zwei Standbeinen des Nischenhändlers. Genauso wichtig sind inzwischen 33 Mega-Stores, in denen die Kundschaft die Ware in Ruhe beurteilen und begutachten kann.
Die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte begann vor 50 Jahren. Die Eltern hatten einst eine Kette von kleinen Tante-Emma-Läden. Rechtzeitig erkannte damals die Familie Schmeckenbecher den bevorstehenden Niedergang dieser Handelsform: Die Supermärkte machten sich auf der "grünen Wiese" breit. Der Online-Handel war noch weit entfernt. Aber der Versandhandel mithilfe von Katalogen florierte - Namen wie Neckermann, Quelle und Otto stehen beispielhaft dafür.
Gleichzeitig war Heinrich Schmeckenbecher, der Vater der jetzigen Unternehmergeneration, als Offizier ein guter Reiter. Die Söhne Frank und Lutz ritten ebenfalls und so kam es, wie es kommen musste: Die Familie kaufte dem Gründer Richard Krämer, der als Sattelhändler 1967 im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach begann, die Firma ab. Seit 1973 ist die Firmenzentrale in Hockenheim angesiedelt. Zwischendurch betrieb man Pferdemärkte, 1988 erschien der erste Versandkatalog, die gesamte Familie verpackte, adressierte und verschickte. "Innovativ, fleißig und selbstbewusst Fehler korrigierend", bezeichnet der heutige Firmenchef Frank Schmeckenbecher das Engagement.
Von Anfang an also war die gesamte Familie Schmeckenbecher am Auf- und Ausbau des Unternehmens beteiligt. Und da hat sich bis heute wenig geändert. Acht Familienmitglieder sind in verantwortlicher Position in der Firma aktiv. Einige von ihnen heißen allerdings nicht mehr Schmeckenbecher, sondern Stricker. Zum Umsatz, geschweige denn zum Gewinn, gibt es traditionell keine Angaben. "Wir wollen auch weiter ein ,hidden Champion’ bleiben", so Frank Schmeckenbecher.
