Wirtschaftsforscher Marcel Fratzscher meint, die Hoffnung auf eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung sei unrealistisch. Es gebe dafür zu wenige Arbeitskräfte. Andere Länder zeigen: Etwas anderes ist inzwischen wichtiger. Alle träumen vom Aufschwung, doch einer glaubt nicht mehr daran. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung meint, dass die Zeiten von schönem Wachstum in Deutschland endgültig vorbei seien. Weil die Bevölkerung älter wird und schrumpft, sinke das Potenzial für Wirtschaftswachstum, sagte Marcel Fratzscher diese Woche in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er hat recht. Es gibt immer noch einen starken Zusammenhang zwischen Wachstumspotenzial und Erwerbsbevölkerung. Stehen viele gut ausgebildete Arbeitskräfte zur Verfügung, kann die Volkswirtschaft besser wachsen, ohne dass sofort Preise und Löhne steigen. Die Bedingungen für dauerhaft mehr Wohlstand sind gut. Bei einer schrumpfenden Erwerbsbeteiligung und Arbeitskräfteknappheit ist das anders. Die Wirtschaftsweise: Alle Kolumnen von Ursula Weidenfeld Kommt die Konjunktur in Schwung, steigen sehr bald auch Preise und Löhne. Die Zentralbank muss die Inflation bekämpfen, hebt die Zinsen an und bremst die schöne Entwicklung gleich wieder aus. Stagnation wird zum beherrschenden Lebensgefühl. Das hat Marcel Fratzscher beschrieben. Im Moment ist die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt mau Diesem Schicksal aber sind wir nicht ausgeliefert. Klar, im Moment ist die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt mau, und Mehrarbeit ist nicht gerade populär. Doch beides ist kein Schicksal. Zieht die Konjunktur wie im Augenblick auch nur etwas an, ist es klug, das Signal für Erwerbseinwanderung sofort auf Grün zu stellen. Auch wenn der Arbeitsmarkt der wirtschaftlichen Entwicklung hinterherhinkt, müssen Visavergabe und die Anerkennung von Abschlüssen jetzt beschleunigt und potenzielle Bewerberinnen ermutigt werden, ihren Deutsch-Sprachkurs schon im Heimatland zu beginnen. Einen Engpass zu riskieren, hieße, Fratzschers These vom unwahrscheinlichen Wirtschaftswunder vorweg zu bestätigen. Restriktionen bei Sprachkursen sind übrigens in einer solchen sensiblen Phase die falsche Botschaft. Das muss Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ihrem Kollegen Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) noch beibringen. Es ist eine Illusion, dass das gelingen kann Ließe sich außerdem das gesamte vorhandene inländische Arbeitspotenzial mobilisieren, könnte Deutschlands Wirtschaft dauerhaft um mehr als zwölf Prozent wachsen, haben Wirtschaftsforscher vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen ausgerechnet. Es ist eine Illusion, dass das gelingen kann. Aber es zeigt, wie viel Wachstum in diesem Land steckt, das bisher nicht gehoben ist. Mehrarbeit muss sich lohnen. Das ist die Botschaft für die Bundesregierung und für eine Steuer- und Sozialabgabenreform, die das Potenzial freisetzt. Kolumne zur Arbeitszeitdebatte: Für die meisten keine schöne Vorstellung Hinzu kommt aber ein weiterer Faktor: Auf die Arbeitskraft allein kommt es längst nicht mehr so stark an wie in vergangenen Konjunkturzyklen. Der technische Fortschritt ist genauso entscheidend für das mögliche Wachstum. Auch hier hat Deutschland eine Menge Luft nach oben. Das Land hinkt bei der Produktivität seinen Wettbewerbern, vor allem den USA , deutlich hinterher. In den vergangenen Jahren ist Kapital eher abgeflossen, als dass es in Forschung und Technologie, Zukunftsfelder und Rationalisierung investiert worden wäre. An den Resultaten der "Herbst-der-Reformen"-Politik der Bundesregierung wird zu Recht viel kritisiert. Aber die Bedingungen für Investitionen sind tatsächlich verbessert worden. Hier passiert gerade etwas. Die Bundesregierung hat es in der Hand, die Bedingungen zu verstetigen und zu verbessern. Bevölkerungs- und Arbeitsstundenwachstum hilft, ist aber keine Bedingung. Dieses Land zeigt, wie es gehen kann Ein Blick auf Korea, das Land mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt und den größten demografischen Problemen, zeigt das: In Korea hat man im vergangenen Jahr die Zollkrise des US-Präsidenten genauso scharf erlebt wie Europa, und der Wettbewerber China gräbt auch koreanischen Industriebetrieben das Wasser ab. Dennoch ist die koreanische Wirtschaft robuster als die deutsche, und ihr wird auch für die Zukunft mehr zugetraut. Und das, obwohl die Bevölkerung noch älter als die deutsche ist, es noch weniger Babys gibt und das Land sich beim besten Willen nicht als Einwanderungsland begreift. Die koreanische Industrie konzentriert sich auf Wachstumsmärkte wie Telekommunikation, Digitalisierung und die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz. Sie setzt auf technischen Fortschritt, wegen der Energiewende auf Elektroautos und Batterien, investiert in Robotik, vollautomatisierte Fertigung und Bildung. Auch in Korea wächst die Wirtschaft nicht mehr so stürmisch wie früher, verglichen mit Deutschland aber immer noch schneller. Es kommt eben nicht nur darauf an, wie viele Leute bereitstehen, wenn die Konjunktur anspringt. Es kommt genauso darauf an, was sie leisten können, leisten wollen und leisten dürfen – darauf, wie viele anspruchsvolle Technologien und Dienstleistungsideen da sind. Marcel Fratzschers These vom unmöglichen Wachstumsturbo ist nur zum Teil eine Analyse der alternden Erwerbsbevölkerung. Vor allem ist sie ein Misstrauensvotum über die Handlungsfähigkeit der Bundesregierung. Beim demografischen Wandel wird Fratzscher Recht behalten. Bei der Arbeit der Bundesregierung möglicherweise nicht.